Genie, Skandal und Tod: Maria — Sängerin und Diva
Wer war denn eigentlich diese Maria Malibran, Spross der
hochberühmten Familie García...? Der Archetyp der romantischen
Frau: höchst genial, über bedeutende, jedoch unterschiedlichste
Talente verfügend, freigiebig, gefühlvoll und tragisch,
hingebungsvoll, inbrünstig und leidenschaftlich, unbezähmbar,
unbekümmert, aber aufrichtig, emanzipiert, unabhängig, ja
modern. Sie war aber auch stolz, starrköpfig und tollkühn, eine
Frau, deren extravaganter Charakter sie zwang, alles ihrem
unbeugsamen Willen und dem, was sie für ihre persönliche
Freiheit hielt, unterzuordnen.
Wo immer die junge Spanierin mit der schlanken Figur, den großen
Augen und den langen dunklen Haaren erschien, entfachte sie eine
Eruption von Atmosphäre und Emotion, die in Europa wie Amerika
die kultivierte Gesellschaft in einen schwindelerregenden Rausch
stürzte, welcher alles Dagewesene übertraf. Mit ihrem
mitreißenden Gesang, aber auch mit ihrer freien Denkweise und
ihrer Art, jenseits aller Konvention zu leben, stellte diese
junge “Zigeunerin” — Tochter eines äußerst berühmten
andalusischen Musikers und Prototyps des romantischen Künstlers
— nicht nur die Ästhetik des Gesangs und der Bühnendarstellung
auf den Kopf, sondern die Einstellung der Gesellschaft gegenüber
Künstlern ganz allgemein: Zum ersten Mal hinterließ eine Frau,
zudem eine Musikerin, auf dem Gebiet der Kunst, im Alltag sowie
in der Geisteshaltung ihrer Zeitgenossen ein tiefes Gepräge mit
unermesslichen Folgen für die nachfolgenden Generationen. Sie
wurde zur ersten Diva der Theatergeschichte, die erste Göttin
der Romantik.
Doch jeglichem Versuch, dieser außergewöhnlichen Frau und ihrem künstlerischen Erbe nachzuspüren, muss ein ausführliches Studium jener Epoche zugrunde liegen und vor allem — nachdem sie ja in erster Linie eine unerreichte Sängerin war — eine Untersuchung ihrer Vokalität, des Instrumentariums und historischen Klangbildes, wie es in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts für angemessen gehalten wurde.
´ Maria Felicia García wird am 24. März 1808 in Paris in eine
hochmusikalische Familie hineingeboren. Ihr Vater ist der aus
Andalusien stammende berühmte Tenor, Komponist und
Gesangspädagoge Manuel del Pópolo Vicente García, ihre Mutter
die Sopranistin Joaquina Sitches (Briones). Marias älterer
Bruder Manuel ist als Bariton tätig und bis heute für seine
grundlegende Gesangsschule bekannt, ihre ein Stück jüngere
Schwester Pauline Viardot-García wird ebenfalls Sängerin,
Komponistin und Kunstmäzenin.
Als gefragter Tenor reist Vater García mit Frau und Kindern von Metropole zu Metropole. So beginnt für die kleine Maria bereits im Alter von vier Jahren ein Wanderleben durch Frankreich, Italien und England, welches auch den Rest ihres Lebens bestimmen wird. In Neapel steht sie als Achtjährige in Paërs Agnese neben dem Vater erstmals auf der Opernbühne. Im selben Jahr 1816 begleitet sie ihn nach Rom zur Uraufführung von Rossinis Il barbiere di Siviglia, wo García den ersten Almaviva verkörpert. Den über den Misserfolg enttäuschten Komponisten tröstet das Kind mit den Worten “Seien Sie nicht traurig. Warten Sie! Wenn ich groß bin, werde ich überall den Barbiere singen, aber (indem sie mit dem Fuß aufstampfte), niemals in Rom, und wenn mich der Papst auf Knien darum bittet”, wie Rossini noch Jahre später erzählt.
Für Maria ist die Begegnung mit Rossini und seiner Musik nicht weniger schicksalhaft als für den Vater: Rosina, Cenerentola, Tancredi und Ninetta (La gazza ladra), Semiramide wie Arsace, doch allen voran die Desdemona in Otello werden ihren kometenhaften Aufstieg beschleunigen. Doch auch persönlich begegnet der große Komponist den Mitgliedern der Familie García zeitlebens mit großer Anteilnahme und öffnet ihnen aus dem Hintergrund so manche Türe.
Als Marias eigentliches Bühnendebüt wird der 11. Juni 1825
bezeichnet, als sie mit der Rosina in London ganz kurzfristig
für Giuditta Pasta einspringt und zum Tagesgespräch wird. Doch
schon kurze Zeit später bricht der abenteuerlustige Vater einmal
mehr die Zelte ab. Diesmal sucht er sein Glück nicht wieder in
einer europäischen Stadt, sondern wechselt kurzentschlossen den
Kontinent, um erstmals eine italienische Operntruppe nach
Amerika zu bringen. Diese, in erster Linie aus den Garcías
bestehende Truppe, tritt mit den unvermeidlichen Opern von
Rossini am New Yorker Park Theatre auf, wobei Maria die
weiblichen Hauptrollen übernimmt. In New York nimmt das
heranwachsende Mädchen — nach der Uraufführung des Barbiere —
zum zweiten Mal in ihrem Leben an einem musikhistorisch
bedeutenden Ereignis teil: Mit Unterstützung des in New York
ansässigen Lorenzo da Ponte bringen die Garcías als
amerikanische Erstaufführung Mozarts Don Giovanni auf die Bühne.
Maria gibt hierbei eine charmante Zerlina. Wenig später
hinterlässt “The Signorina” auch in diversen Singspielen sowie
in zwei von García speziell für sie komponierten Opern einen
nicht weniger starken Eindruck. So wird Maria in kurzer Zeit zum
ersten Star der noch jungen amerikanischen Musikwelt.
Das Verhältnis zum Vater ist keineswegs ungetrübt. Im Gegenteil: Zahlreich sind die Anekdoten über die an Gewalt grenzenden Zusammenstöße zwischen der heranwachsenden Maria und ihrem aufbrausenden Vater, dem unerbittlichen, einzigen Gesangslehrer und cholerischen ersten Bühnenpartner. Doch bereits nach einem halben Jahr New York stürzt sich die Siebzehnjährige gegen den Willen der Eltern in eine Ehe mit einem 28 Jahre älteren Mann — dem Franzosen mit spanischen Wurzeln Eugène Malibran — und zieht sich schließlich sogar eine Zeitlang von der Bühne zurück. Giuditta Pastas Ehemann Giuseppe, als Tenor in New York mit von der Partie, berichtet seiner Frau nach Paris: “Marietta Garzia soll in einigen Tagen einen Kaufmann heiraten, der die 40 schon überschritten hat, aber noch einigermaßen ansprechend aussieht und, wie es heißt, reich ist — also ist damit Garzias Aufgabe beendet, sie wird das Theater aufgeben, und, wenn das stimmt, leb wohl Opera Italiana in New Jorck [sic]” (14. März 1826).
Ob es nun eine Flucht ist oder eine Heirat aus Liebe, das Verhältnis zwischen Maria und Eugène bleibt praktisch von Anfang an gespannt. Dass Eugènes ramponierte Geschäfte kurz vor dem Bankrott stehen, soll dabei keine unwichtige Rolle gespielt haben. Bereits nach kurzer Zeit beginnt Maria wieder zu singen, organisiert Konzerte in Philadelphia und singt wieder in New York. Doch zur Lösung der finanziellen Probleme und gleichzeitig als Möglichkeit zur Befreiung aus der verfahrenen privaten Situation bleibt ihr schließlich nur die Rückkehr nach Europa — aber ohne den faktisch unter Hausarrest stehenden Gatten: Ende 1827 schifft sich die zur emanzipierten und selbstbewussten jungen Frau herangewachsene Maria nach Frankreich ein, um dort ihre beispiellose Karriere als Sängerin voranzutreiben.

Das Verhältnis zum Ehemann Eugène Malibran ist schon längst erkaltet, als Maria in der französischen Hauptstadt dem attraktiven belgischen Geiger Charles de Bériot begegnet und sich auf eine offen gelebte Beziehung mit ihm einlässt. In einer Zeit, wo Künstlerinnen nur unter bestimmten Bedingungen gesellschaftsfähig sind (zum Beispiel als begehrte Unterhaltung bei einer Abendgesellschaft, nicht aber als geladener Gast), spaltet das vom Schicksal füreinander bestimmte Liebespaar Paris: Für die enthusiastische französische Jugend wird Maria nun erst recht zur Ikone der Romantik, die skandalisierte Haut Monde hingegen straft sie mit kalter Verachtung. Die eben noch gefeierte und geehrte Sängerin weicht dem gesellschaftlichen Druck und verlässt Frankreich. Von 1832 bis zu ihrem Tode ist sie nicht mehr öffentlich in Paris zu hören und erlebt dort erst nach ihrem unerwartet frühen Ende in der tragisch verklärten Überhöhung durch die Nachwelt ihre Rehabilitation.
Doch das Malibran-Fieber ist trotz ihrer überstürzten Abreise aus Frankreich in Europa nicht erstickt — es breitet sich wie eine Epidemie über Italien und in kurzen Schüben immer wieder auch über Belgien und England aus. In Italien erobert sich Maria die bedeutenden Musikzentren Rom, Neapel, Bologna, Mailand und Venedig, aber auch zahlreiche kleinere Städte. Hier singt sie zum ersten Mal die Rollen Vincenzo Bellinis, die ihrem Naturell und ihrer Stimme entsprechen wie kaum eine andere Musik, die sie je interpretiert hat — vor allem mit der Sonnambula, aber auch mit Norma und Romeo versetzt sie das italienische Publikum ins Delirium.
Wurde sie in Frankreich zur romantischen Göttin überhöht, so
empfängt sie das italienische Volk wie seinesgleichen. Auf ihren
Reisen durch das Land wird sie überall erkannt und aufgehalten,
die Weiterreise wird ihr erst nach einem Ständchen unter freiem
Himmel gestattet. In Neapel widersetzt sie sich mutig dem König
(sie weigert sich vor ihm aufzutreten, solange er das
Applausverbot am Teatro San Carlo aufrecht hält), in Mailand
kämpft sie mit den Behörden um die unzensierte Darstellung der
Titelfigur in Donizettis Maria Stuarda. In der österreichisch
beherrschten Poebene und in Bologna lässt sie sich zur
Gallionsfigur der Freiheitsbewegung erheben, und in Venedig
rettet sie durch eine großzügige Benefizveranstaltung ein
Theater vor der Schließung, welches fortan ihren Namen trägt:
Teatro Malibran.
Ihre halsbrecherischen Landpartien sind nicht weniger beeindruckend als die mühseligen Atlantiküberquerungen: Aus Lust an der Geschwindigkeit und um das Ziel schneller zu erreichen, soll die meist in Männerkleidern reisende junge Dame das Personal oft vom Kutschbock in das Innere des Gefährts verfrachtet und die Mehrspänner alleine durch die Landschaft gepeitscht haben. Eine, um der Bedrohung durch die Cholera zu entgehen, zu Fuß zurückgelegte, gefährliche Reise von Lucca nach Mailand ist ebenso überliefert, wie ein “schneller“ Abstecher von Mailand nach Brüssel und zurück, um familiäre Angelegenheiten zu regeln.
Maria hat das Zeug zum Superstar. Somit tritt sie als erste Frau
die Nachfolge der umschwärmten Opernhelden des 17. und 18.
Jahrhunderts, der Kastraten, an, mit dem Unterschied, dass ihr
Ruhm sich wohl zum ersten Mal über mehrere Kontinente
verbreitet. Der Jubel, der sie dabei umwogt, nimmt immer
fanatischere Formen an. Ihre Gagen wachsen ins Unermessliche, an
ihrer künstlerischen Arbeit wie an ihrem Privatleben nehmen
Gesellschaft und Presse regen Anteil. Zahlreiche Komponisten
schreiben ihr Opern auf den Leib, bildende Künstler und Dichter
inspiriert sie zu schwärmerischen Höhenflügen. Ihre dramatische
und musikalische Ausdruckskraft, ihre zarte, schlanke Gestalt,
ihr hochemotionales Spiel, ihre turbulente Lebensweise und ihre
angeschlagene Gesundheit (Ohnmachten und Indispositionen sind an
der Tagesordnung) machen die Welt glauben, vor ihr stünde der
Archetyp der romantischen Frauengestalt. Dass jedoch hinter dem
Klischee eine willensstarke, unabhängige, gar moderne Frau
steht, die indes auch charakterlich schwierig, einsam, oft
verzweifelt, physisch ermattet und krank ist, wird dabei gerne
übersehen.
Heute sind wir uns bewusst, wie subjektiv die zeitgenössischen Berichte sind. Und doch erkennen wir in der von Maria gesungenen Musik, in den für sie verfassten Partien, in den eigenen Kompositionen die Einzigartigkeit ihrer Mezzosopranstimme. Ihr umfangreiches, äußerst vielseitiges Repertoire verlangt zudem ein emotionelles und schauspielerisches Ausdrucksspektrum, welchem in der Tat nur ein herausragendes Talent gerecht werden kann. Und nicht zuletzt erzählen ihre kapriziösen und leidenschaftlichen, durcheinander in verschiedenen Sprachen verfassten Briefe, ihre scharfsinnigen Karikaturen und geschmackvollen Zeichnungen von der ungewöhnlichen Persönlichkeit dieser jungen Frau.
1836 scheint Marias Karriere auf dem Höhepunkt und ihr privates Glück vollkommen: Nach langjährigem Tauziehen und dank der tatkräftigen Hilfe von Lafayette kommt im Frühjahr 1836 endlich die Annulation ihrer Ehe mit Eugène Malibran zustande. Kurz darauf heiratet sie ihren Charles, mit dem Maria, wenn nicht auf gemeinsamer Tournee, in der Nähe von Paris und bei Brüssel lebt. Dorthin waren nach dem Tod des Vaters 1832 auch ihre Mutter und Schwester gezogen. Doch bereits im Herbst desselben Jahres 1836 erreicht dieses unbändige Leben sein abruptes Ende: Mit erst 28 Jahren stirbt die schwangere Maria de Bériot in Manchester an den Folgen eines schweren Reitunfalls in London einige Monate zuvor.
Mit dem Verstummen ihrer Stimme blieb auch den Zeitgenossen nur noch die Erinnerung an diese einzigartige Frau. In Spanien, woher sie stammte, gedenkt man seither der Spanierin “Mariquita”, in Frankreich der hier geborenen und gefeierten “Malibran”, in Amerika des ersten Opernstars “The Signorina”, in Italien der volksnahen “Marietta”, in England der “Unrivalled Madame Malibran” und in Belgien der von ihrer Familie hier begrabenen “Mme de Bériot”.
Übersetzung: Christiane Frobenius
