Aus dem Notenbild ersteht eine legendäre Stimme
… in einem Wort, nur hier [in Paris] kann man erfahren, was
Singen bedeutet. Heutzutage ist es unbestreitbar nicht die
Pasta, sondern die Malibran (Garcia), welche die erste in Europa
ist — ein Wunder! Valentin Radziwill vergöttert sie, und wir
haben uns schon mehrfach vorgestellt, wie sehr Sie sie bewundern
würden!
Frédéric Chopin an Joseph Elsner, Paris, 1831
Den präzisesten Rückschluss auf den Charakter von Marias
einzigartiger Stimme zieht man aus der für sie komponierten
Musik: Das Notenbild zeigt einen Umfang, der offenbar mindestens
vom tiefen, dem “kleinen” E bis zum hohen C", das heißt, über
fast drei Oktaven reichte, wobei die extremen Lagen ausgeprägter
gewesen zu sein scheinen als die mittlere. Die omnipräsenten,
virtuosen Koloraturen und auffälligen Sprünge sprechen von einer
ungewöhnlichen Flexibilität und von der perfekten Beherrschung
des Atems.
Um wenigstens eine Ahnung vom Timbre zu erhalten, müssen wir uns
doch auf die zahllosen zeitgenössischen Berichte verlassen
(Pressestimmen, Memoiren von Augenzeugen, usw.). Obschon die
Farbe bis in die höchsten Spitzentöne ausgeglichen war, wird
ihre Qualität in der Regel als samtig, dunkel und pastos
beschrieben. In der Tat verzeichnen die Ensemblelisten der
Theater Marias Namen wenn nicht als “prima donna”, dann als “contralto”
— nicht aber als Sopran. Nach heutiger Auffassung würde man eine
Stimme mit solchen Eigenschaften sicherlich als Mezzosopran
bezeichnen.
Ihre grenzenlosen Möglichkeiten erlaubten es Maria, im Verlauf
ihrer kurzen, wenig mehr als zehn Jahre dauernden Karriere ein
ungewöhnlich breites Repertoire zu singen: vom Barock über
Mozart bis zu Rossini, zuletzt auch die “zeitgenössische” Musik
Donizettis und vor allem Bellinis. Zahlreiche neue Werke wurden
für sie komponiert und von ihr uraufgeführt, doch hinterließ
kaum eines bis in die Gegenwart reichende Spuren.
Mit der für dieses Album zusammengestellten Auswahl setzt sich
Cecilia Bartoli erstmals ausführlich mit der romantischen Epoche
auseinander. Ausgangspunkt sind ihre profunden Kenntnisse von
Barock und Klassik sowie das dadurch erfahrene Gefühl für jene
Zeit. Daraus wiederum eröffnet sich ihr der Weg zu einem
ungewohnt vielseitigen Belcanto-Repertoire. Zentral ist
natürlich die Erarbeitung der Werke Vincenzo Bellinis aus dem
historischen Kontext heraus.
Neben den schwindelerregenden stimmlichen und darstellerischen
Qualitäten des Phänomens Maria Malibran fasziniert Cecilia
Bartoli insbesondere der Versuch, das inzwischen vergessene
Klangbild jener Zeit zu rekonstruieren. Dazu gehört die Art der
Gesangsstimme und wie sie geführt wird, dazu gehört die
Konfrontation mit dem originalen Notentext. Nicht weniger
wichtig sind aber auch das historische Instrumentarium im
Orchester sowie die überlieferte Stimmung von 430 Hz.
Eines Tages trat ich ein, ohne dass er mich bemerkt zu haben
schien. Er hatte den Rücken zur Tür seines Kerkers gewandt und
sang in melancholischer Weise das spanische Lied: “Yo que soy
contrabandista”. – Als er fertig war, drehte er sich brüsk zu
mir und rief: “Bruder, versprich, dass wenn du jemals an mir
zweifeln solltest, all deinen Argwohn zu vergessen, wenn du mich
dieses Lied singen hörst.”
Victor Hugo, Bug Jargal, 1818–20
Thematisch für die Wurzeln und die Essenz des Phänomens Maria
Malibran steht das Lied “Yo que soy contrabandista” [5]: Es ist
eine der berühmtesten Kompositionen ihres Vaters Manuel García
(1775–1832), der ihre Persönlichkeit, ihr Leben und ihre Kunst
wie kein anderer formte. Später sangen es sowohl Maria als auch
ihre Schwester Pauline Viardot bei jeder Gelegenheit zur
Gitarre, aber auch als Einlage während der “Musikstunde” in
Rossinis Barbiere di Siviglia. So symbolisiert es quasi
klanglich den sozialen Aufstieg der Familie García von der
südspanischen Provinz zum Parnass des Operngesangs. Ebenso zeigt
es das vielseitige Talent Garcías: Mit diesem immens populären
Lied führte er die Folklore seiner Heimat in die Welt der
klassischen Musik ein. George Sand inspirierte es zur Histoire
lyrique Le Contrebandier, Liszt zu einem Rondeau fantastique,
Victor Hugo zitiert es in seinem ersten Roman Bug Jargal.
Georges Bizet schließlich soll es motivartig zum spanischen
Kolorit in seiner Carmen verarbeitet haben. Im einstündigen
Monodrama (im Original: “unipersonal”) El poeta calculista (Der
berechnende Dichter) geht es um einen armen Poeten, der über
Karriere und Erfolg sinniert. An verschiedenen Beispielen zeigt
er, wie eine von ihm verfasste Komödie, Tragödie etc. aussehen
würde, in einem Fall singt er sogar ein typisches “Liebesduett”
mit sich selber. Ein weiteres Beispiel, der “Caballo”, ist ein
klassisches Schmugglerlied im Stil eines Polo, eines Tanzes
also, der auch heute noch in der Flamencomusik sehr beliebt ist.
Der feurige Rhythmus, der Stolz und die Energie, die diesem
kleinen Stück innewohnen, sagen vermutlich viel aus über den
temperamentvollen Komponisten und die Charakterzüge, die er an
seine Kinder vererbte.
Signorina Garcia ist einer unserer Lieblinge, und ist es,
gemessen an ihrem enthusiastischen Empfang, bei all den anderen,
die ihre Vorstellung gesehen haben. Über eine große Technik und
Ausführung verfügend, ist sie bescheiden und stellt sich nicht
zur Schau; von elegantem Wuchs und schönem Gesicht, ist sie
delikat und zurückhaltend.
New-York Literary Gazette, 1825
1825 übersiedelte García mit seiner Familie von Europa nach New
York. Die hochbegabte 17-jährige Tochter Maria baute er, vor
allem mit Werken von Rossini und Mozart, zum Star seiner
Operntruppe auf. Darüber hinaus komponierte er für sie
Hauptrollen in seinen eigenen Bühnenwerken La figlia dell’aria
und L’amante astuto und schuf damit die wohl ersten beiden in
Amerika uraufgeführten Opern. Die hier aufgenommene große Szene
und Arie der Semiramide “E non lo vedo … Son regina” [9] aus La
figlia dell’aria gründet noch deutlich im Übergang von der
Spätklassik zur Frühromantik, was zum Beispiel in den Melismen
der Gesangsstimme zu spüren ist. Hingegen ist in der Begleitung
der Arie der konkrete Einfluss Rossinis zu spüren. Bereits das
dunkel gefärbte, hochdramatische Rezitativ mit den verzweifelten
Choreinwürfen zeigt einen ganz eigenen Charakter. Die
eigentliche Arie beginnt mit einem stolzen, marzialischen
Aufbegehren (“Son regina”), welches bald einem pastoralen Thema
weicht, dessen Harmonik und Flöten- sowie Klarinettenbegleitung
an die neapolitanische Schule erinnert (“E sopra i popoli cari”).
Diesem Wunsch Semiramides, milde über ihr Volk zu herrschen,
fügt sie eine großartige, würdevolle Geste an, mit der sie am
Schluss der Szene feurig zu Aufstand und Freiheit ruft.
Die Länge dieser auch heute noch äußerst anspruchsvollen Szene,
die Spannweite der schnell wechselnden Emotionen, die ungemein
virtuosen Arpeggien und Läufe sowie der große Tonumfang (g–as"),
der oft innerhalb nur weniger Takte ausgelotet wird, zeigen,
dass die typischen Qualitäten von Marias Stimme und ihre
dramatische Ausdruckskraft schon von Beginn an ausgeprägt waren.
Die Oper ward sehr gut ausgeführt. Obenan stand die Malibran mit
voller Kraft und reizender Magie im Ausdruck als Clari.
Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode, 1829
Aus Amerika nach Paris zurückgekehrt, gab die knapp 20-jährige
Maria 1828, vor allem in Rollen von Rossini, ihren triumphalen
Einstand am Pariser Théâtre-Italien. Als Solokorrepetitor war an
diesem Theater zu jener Zeit auch Jacques Fromental Halévy
(1799–1862) tätig. Halévy, der heute einzig noch als Verfasser
der Grand’Opéra La Juive (1835) bekannte französische Komponist,
schrieb zeitlebens zwei italienische Opern, wovon die erste die
für Maria geschriebene Clari war. Den populären Stoff hatte sie
offenbar in England als Oper (1823) von H. R. Bishop
kennengelernt, und in Amerika hatte sie mit deren beliebtester
Nummer, dem immer noch weltberühmten Lied “Home, Sweet Home”,
das Publikum begeistert. Clari kam bereits 1828/29 am
Théâtre-Italien zur Uraufführung. Frappierend ist ihr leichter,
italienischer Stil, weit entfernt von der üppigen Grand Opéra.
Halévys Umsetzung des Stoffes ist musikalisch originell und
phantasievoll orchestriert. Dies wird auch in der Auftritts-Cavatina
der Titelheldin, “Come dolce a me favelli” [14], evident. Sie
beginnt mit einer atmosphärischen Solopassage von vier Hörnern
und einer Solovioline, welche die Szene einerseits nach der
hektischen vorangehenden mit der nötigen Ruhe erfüllt,
andererseits auf Claris ländliche Herkunft und ihren
aufrichtigen Charakter hinweist. Die langsame Melodie erinnert
eindeutig an Rossini. Wenn sie sich jedoch schon bald vom tiefen
B zum hohen A" aufschwingt, zeigt sich, dass der Komponist die
Möglichkeiten der Sängerin, für die er schrieb, sehr gut kannte.
Seit mehreren Jahren hat uns der gefeierte Tonsetzer mit keinem
ansprechenderen Werke in so kleinem Rahmen beschenkt, als das
vorliegende ist. Das Thema in F, welches nach einer äußerst
kurzen Introduktion beginnt, ist voll Anmut und Lieblichkeit,
und eignet sich wegen seinen pikanten Wendungen vorzugsweise zur
Behandlung in Variationen.
Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode, 1830
Eine Kuriosität ist die Air à la tirolienne avec variations [8]
von Johann Nepomuk Hummel (1778–1837). Der urspünglich zu Beginn
des 19. Jahrhunderts in England verwendete Begriff “Tyrolienne”
bezeichnete eine elegante Form des Ländlers, mit welchem der
alpenländischen Volksmusik gehuldigt wurde. Angefacht wurde
diese Mode von reisenden Jodelgruppen wie den aus dem Zillertal
stammenden Geschwistern Rainer, welche vor allem in Deutschland
und England für Furore sorgten. Der Pianist, Dirigent und
Komponist Hummel, Schüler von Mozart, Salieri und Haydn, wirkte
während 18 Jahren als Großherzoglicher Kapellmeister in Weimar,
verpflichtete sich aber auch jährlich für bedeutende Gastspiele
in den europäischen Musikzentren, darunter auch in London. Die
Air à la tirolienne avec variations erschien 1830 gleichzeitig
in Wien, Paris und London in einer Version für Stimme und
Orchester sowie für Klavier zu vier Händen und trägt den Vermerk
“zum ersten Mal von Madame Malibran-Garcia in London gesungen,
für sie komponiert und ihr zugeeignet”. Das Werk mit einem
einfachen und pastoralen Text besteht aus einem auffälligen
Jodler sowie einer Reihe von Variationen in charakteristischem
Stil. In diese Aufnahme integriert wurden die synkopierte
Variation, die in “ungarischem” Stil, wo die Violinen das
Cymbalon imitieren, sowie diejenige im rossinianischen Stil, wo
sich ein spielerischer Wettlauf zwischen der Stimme sowie der
Klarinette und Flöte entspinnt.
Dieses einzigartige Genie Maria Malibran bestritt die Hauptrolle
auf eine Weise, welche den Komponisten und das Publikum zum
Staunen brachte.
Giovanni Pacini, Le mie memorie artistiche, 1875
In den 1830er Jahren wurde neben den England-Gastspielen immer
mehr Italien zum Zentrum von Marias Wirken. Regelmäßig gastierte
sie mehrere Monate in Neapel, wo sie eine große Vielfalt
unterschiedlichster Rollen verkörperte. Hier wurde zudem eine
ganze Reihe neuer Opern für sie komponiert. So entstand 1833 für
das Teatro San Carlo die heute gänzlich vergessene Irene o
L’assedio di Messina (Irene oder Die Belagerung von Messina) von
Giovanni Pacini (1796–1867). In Sizilien geboren, gehörte Pacini
mit 89 Opern zu den neben Rossini und Donizetti fruchtbarsten
Opernkomponisten des frühen 19. Jahrhunderts.
Das letzte Bild dieses Werks mit Rezitativ und Gebet der Irene
“Se un mio desir … Cedi al duol” [1] sowie der abschließenden
Stretta “Ira del ciel” [2] zeigt, wie Pacini dramaturgisch klug
einen hochdramatischen Aufbau mit retardierendem Moment zu
entwickeln versteht. Diesen weiß er jedoch mit den
darstellerischen und vokalen Stärken seiner Solistin zu
verbinden und gesteht ihr ein organisch in die Gesamtarchitektur
eingebundenes virtuoses Feuerwerk zu, welches ein
“Bilderbuchfinale” für den anspruchsvollen Star bildete.
Typisch für Pacinis dramatischen Stil sind die brüsken
harmonischen Rückungen, die auffälligen Sprünge in der
Melodiestimme, das erregte Pulsieren im Orchester, aber auch das
elegische Innehalten — vor allem mit den auffälligen Horn- und
Harfensoli. Diese Kombination unterstreicht das Dunkle,
Melancholische von Irenes verzweifeltem Flehen und wird durch
den Klang der Originalinstrumente noch tiefer erfahrbar. Die für
Pacinis Cabaletten charakteristischen langen Skalen, die
aufsteigenden Trillerketten und die ausgehaltenen Spitzentöne
sind in diesem Fall schlüssig in das dramatische Ganze
eingebettet, welches unerbittlich in den ungewöhnlich
komponierten, tragischen Schluss (Irenes Selbstmord und den
Brand der Kirche von Messina) hineinführt.
Nun ist es wenige Tage her, dass die Malibran in der Amelia des
Maestro Rossi sich auch als Ballerina bewundern lassen wollte,
und sie, die nicht so tanzen kann, wie sie singt, wie sie nicht
so singen könnte, wie sie tanzt, musste den Ratschlag des
Publikums ertragen, dass sie jeweils besser die Stimme und nicht
die Füße benützen solle.
Omnibus letterario, Napoli, 1835
Amelia ovvero Ot to anni di costanza von Lauro Rossi (1812–1885)
war eine weitere der in Neapel für Maria komponierten Opern. Wie
aus dem Untertitel “melodramma comico” hervorgeht, ist dies ein
Stück, das neben der zunächst melancholischen Handlung
zahlreiche heitere und Genreszenen enthält, nicht zuletzt das
hochvirtuose Rondò con variazioni, “Scorrete, o lagrime” [15],
welches das Werk beschließt. Bemerkenswert ist diejenige
Variation, in der Stimme und Klarinette miteinander in einer
Weise verschlungen sind, welche an die obligaten Begleitungen in
Mozarts großen Arien erinnert, wobei hier der warme Klang des
Originalinstruments eine ganz besondere Sinnlichkeit vermittelt.
Amelia war aber kein Erfolg beschieden, was daran gelegen haben
soll, dass Maria auf einem von ihr getanzten Pas-de-deux
bestand, obwohl diese Kunst offenbar nicht zu ihren größten
Qualitäten zählte.
Heute kaum mehr bekannt, war der vielseitige Lauro Rossi eine
prägende Gestalt der italienischen Musikgeschichte im 19.
Jahrhundert und bildete die Brücke zwischen Klassik und Neuzeit.
Er hatte unter anderem noch bei Zingarelli in Neapel studiert
und führte verschiedene seiner Opern an großen Häusern Italiens
auf. Die Enttäuschung über den Misserfolg der Amelia war ein
Grund, weshalb er für acht Jahre als Impresario und Dirigent
nach Mittel- und Nordamerika ging. In späteren Jahren wurde er
Direktor des Konservatoriums von Mailand, von wo in dieser Zeit
so progressive Figuren wie Franco Faccio und Arrigo Boito ihren
Weg einschlugen. Zudem gehörte er zu den Gründern der heute noch
existierenden Mailänder Società del Quartetto (1864), bevor er
1870 als Nachfolger Mercadantes die Leitung des Konservatoriums
von Neapel übernahm.
Im Rahmen ihres Auftritts ließ uns die Malibran wunderbare Dinge
sehen und hören: man freute sich, man liebte und zitterte um sie
und schließlich, wer hätte gedacht, dass das einen zum Weinen
bringen so viel Lob verdiente?
Omnibus letterario, Napoli, 1835
Eine weitere, für Maria in Neapel komponierte Oper ist Ines de
Castro von Giuseppe Persiani (1799–1869), geschrieben 1835 im
Auftrag des Teatro San Carlo. In ihrer Düsterkeit und Tragik
steht sie den blutrünstigen Stücken Donizettis nahe, dessen
Lucia heute das praktisch einzige im Repertoire verbliebene
Beispiel dieser einst so populären Gattung ist. Die Textbücher
sowohl von Ines de Castro, als auch von Lucia di Lammermoor
wurden übrigens von Salvatore Cammarano gedichtet, welcher in
späteren Jahren die nicht weniger verschlungenen Textbücher zu
Verdis Luisa Miller (1849) und Il trovatore (1853) verfassen
sollte. Die hier aufgenommene Romanza der Ines, “Cari giorni”
[3], gehört mit ihrer schlichten Harfenbegleitung und innigen
Melodie zu den sublimen Höhepunkten dieser Oper. Die traurige
Gefängnisatmosphäre, aus der sehnsüchtig die Stimme emporsteigt,
wird vom magischen Klang der aus jener Zeit stammenden Harfe in
berührenden Farben gemalt. Als einer der wenigen ruhigen Momente
steht diese Romanze in schärfstem Kontrast zum grausamen
Geschehen, welches im 3. Akt in der als großes Recitativo
accompagnato gestalteten Wahnsinnsszene der Ines sowie der
Sterbeszene, in der sie qualvoll an einer Vergiftung zugrunde
geht, kulminiert.
Von den für Maria komponierten Opern war Ines de Castro die
erfolgreichste, erlebte sie doch als einzige bis Mitte des 19.
Jahrhunderts zahlreiche europäische Neuinszenierungen. Maria
selbst sang das Werk noch einmal, im August 1835 in Lucca.
… sie wurde sehr stark beklatscht und sang die "Palpiti" wie ein
Engel, trotz ihrer andauernden Indisposition … Die Partitur
Rossinis wurde beendet durch eine Arie von Pacini, welche die
Malibran angefügt hatte.
Omnibus letterario, Napoli, 1834
Die Entstehung von Pacinis Rondò “Dopo tante e tante pene” [11]
können wir mit guten Gründen auf den Tag genau datieren: Am 19.
November 1834 präsentierte sich Maria Malibran zum ersten Mal in
Neapel als Rossinis Tancredi, aber ohne großen Erfolg. Am 21.
stand sie wiederum in derselben Partie auf der Bühne, sang
jedoch am Ende ein neues Rondò. Für das Wohlwollen, mit dem ihr
diesmal begegnet wurde, war die beinahe verflogene Indisposition
verantwortlich, nicht weniger aber auch die neue Schlussarie.
Offenbar komponierte Pacini dieses Rondò in großer Eile: Die
Worte beziehen sich auf keine konkrete Situation und Teile der
Melodie sind aus seiner zu der Zeit im Entstehen begriffenen
Oper Carlo di Borgogna (1834/35) übernommen. Pacini kannte Maria
natürlich sehr gut — im Jahr zuvor hatte er für sie Irene
geschrieben und zeitweise hatten beide im Palazzo von Neapels
Opernintendant Barbaja logiert. Beinahe könnte man sich
vorstellen, wie die beiden beim gemeinsamen Abendessen diese
effektvolle Nummer ausheckten. Wie in der Szene aus Irene hört
man auch hier die für den “Meister der Cabaletten” typischen
Läufe, Sprünge und Triller, und der Kunst der Malibran
entsprechend nützt er ihren Stimmumfang (As bis lang
ausgehaltenes C") aufs Äußerste aus.
… ich war der erste, der aus vollem Halse schrie: “Viva! Viva!
Brava! brava!” und in die Hände klatschte, bis ich nicht mehr
konnte.
Vincenzo Bellini a Francesco Florimo, London, 1833
Bereits 1833 hatte Maria in Neapel ihrem Repertoire eine neue
Partie hinzugefügt, die ihr weiteres Schicksal bestimmen sollte,
war sie doch wie geschaffen für die Zartheit ihres Wuchses, ihre
szenische Intensität, aber auch ihren differenzierten Gesang:
die Amina in Bellinis La Sonnambula. Wenige Monate später, in
London, wurde das Stück zunächst in englischer Sprache gespielt,
und es war in dieser Inszenierung, dass Bellini Maria zum ersten
Mal live erlebte und sie ihn trotz seiner Vorbehalte gegenüber
dem Rest der Aufführung zutiefst überwältigte. Von da an gab es
praktisch kein Gastspiel mehr, bei dem Maria nicht die
Sonnambula sang. Ihr einziger Auftritt in Deutschland, eine
Vorstellung der Sonnambula zu Ehren des preußischen Königs in
Aachen im August 1836, dürfte zudem der letzte Opernauftritt
Marias überhaupt gewesen sein. Die Schlussarie der Amina, “Ah!
non credea mirarti” [6], ist eines der berühmtesten und
schönsten Beispiele für Bellinis ausgedehnte Melodien, die sich
ins Unendliche weiterspinnen. Einmal mehr frappiert auch hier
die ungewöhnlich innige Atmosphäre, welche nur historische
Instrumente mit ihrem weichen, runden Klang kreieren können: die
Violinen, welche die große Melancholie des Stücks
unterstreichen, aber auch die zarten Tupfer der Oboe und des
Violoncellos, welche sich ab und zu wie Tränentropfen oder
Stiche von schmerzvoller Erinnerung dazugesellen.
In dieser Arie zeigt sich zudem sehr deutlich, dass die
durchschnittliche Tonlage (Tessitur) der Amina in einem Bereich
liegt, der für den Mezzosopran ideal, für Soprane hingegen zum
großen Teil ungünstig tief liegt. Trotz des allgemeinen Glaubens
gibt es deshalb keine “Mezzo-Version” dieser Oper, und dies
obwohl Cecilia Bartoli einige Ausschmückungen Maria Malibrans in
das Stück miteinbindet. Dies leuchtet ein, wenn man bedenkt,
dass Bellini seine Oper für Giuditta Pasta komponiert hatte,
deren Repertoire sich weitgehend mit dem der Malibran deckte.
Aufgrund ihrer Popularität und der dramaturgischen Konzentration
auf die Hauptfigur wurde die Sonnambula sehr bald zu einem
beliebten Primadonnenvehikel. Aus diesem Zusammenhang heraus ist
auch die Aneignung des Werks durch die virtuosen Sopranstars des
20. Jahrhunderts zu verstehen, auch wenn sie sich damit sehr
weit von den Klangvorstellungen Bellinis entfernen.
Sie erschien und ein tosender Applaus grüßte die so sehr
gefeierte, so sehr ersehnte musikalische Berühmtheit: Sie stieg
auf den Druidenstein und tausend Blicke, tausend Augenpaare,
tausend Operngläser richteten sich auf sie: tausend Ohren wurden
gespitzt, um die Stimme der Stimmen zu hören. Es trat eine
dermaßen tiefe Stille ein — wehe dem Unglückseligen, der sie mit
einem einzigen Nieser gestört hätte!
Aus der Zeitschrift Il Barbiere di Siviglia, Mailand, 1834
In ganz ähnlicher Weise begannen in unserer Zeit die
dramatischen Soprane Norma für sich zu reklamieren, obschon
Bellini sie nach dem Erfolg seiner Sonnambula ebenfalls für die
Pasta konzipiert hatte. Was uns heute erstaunt, war also damals
die selbstverständliche Konsequenz: Als bedeutende
Bühnenkünstlerin musste auch die Malibran sich das Werk
aneignen, und die Zeitgenossen akzeptierten ihre sich
konzeptionell vom Ansatz der Pasta stark unterscheidende
Interpretation: “"[Die Malibran] ist Norma und kann die Norm für
jede andere Norma sein”, konnte man im Frühjahr 1834, wenige
Tage nach ihrem Rollendebüt, in einer Zeitung Neapels lesen.
Und selbst bei ihrem ersten Auftreten an der Mailänder Scala
wenige Monate später zollte man Marias Zugang zu dieser
schwierigen Partie Anerkennung: “Madame Pasta scheint uns auf
der Bühne das perfekteste Beispiel des klassischen Genres,
während Madame Malibran uns das des romantischen Genres zu sein
scheint”. Besonders bemerkenswert ist dabei, dass sie sich
gerade für dieses schwierige Haus entschieden hatte, nicht wie
sonst mit einer ihrer bewährten Rossini-Rollen zu debütieren:
Sich mit der Norma am Ort der Uraufführung zu präsentieren, wo
die von Maria wie vom Mailänder Publikum vergötterte Giuditta
Pasta kaum erreichbare Maßstäbe gesetzt hatte, hätte leicht als
Provokation aufgefasst werden können.
Um die Entstehung von Normas Gebet “Casta Diva” [17], einer der
berühmtesten Arien der gesamten Opernliteratur, ranken sich
verschiedene Legenden. Tatsache ist hingegen die Transposition
dieser Arie vom höheren G-Dur (im Manuskript) nach dem an der
Uraufführung gesungenen und auch seither gebräuchlichen F-Dur.
Der fundamental andere Zugang zu Normas Cavatina in dieser
Aufnahme gründet hingegen im ungemein weichen und zarten Klang
der historischen Flöte, welche die quasi sakrale und äußerst
intime Atmosphäre der Versunkenheit vorbereitet, mit welcher die
Sängerin — Bellini fordert es von ihr durch die Dynamik
Pianissimo (pp) — dieses meditative Gebet erfüllen soll.
Von nun an will ich Ihnen von Zeit zu Zeit schreiben, ich will,
dass Sie mir antworten, und ich will, dass unsere Freundschaft
brüderlich sei, voller Anteilnahme, dass wir uns lieben und es
uns sagen und unsere auf aufrichtiger Achtung gegründete
Freundschaft etwas Kostbares werde. Also wird Bellini hinfort
alles ausführen, was die Malibran ihm auferlegt!
Bellini an Malibran, Paris, 1835
Während der Vorbereitungen zur Pariser Uraufführung seiner
letzten Oper I puritani kam Vincenzo Bellini der Gedanke, das
Werk für die von ihm so verehrte Maria umzuarbeiten, und er
erhielt einen dementsprechenden Auftrag des Teatro San Carlo. So
entstanden teilweise parallel zwei Fassungen.
In den auf dieser Aufnahme präsentierten Ausschnitten aus der
Wahnsinnsszene “O rendetemi la speme” [12] sowie der Cabaletta “Vien,
diletto” [13] sind zwei der für Neapel vorgenommenen
wesentlichen Änderungen deutlich zu hören: Zum einen wurden die
Elvira-Passagen für Marias Stimme nach unten transponiert. Zum
anderen hat Bellini im Zusammenhang mit den Transpositionen die
Partie des Riccardo, in Paris von einem Bariton (Antonio
Tamburini) gesungen, für einen Tenor umgeschrieben. Doch
bedeutete diese Arbeit für den stets sehr umsichtig
komponierenden Bellini einen Wettlauf mit der Zeit: Das Teatro
San Carlo hatte sich im Oktober 1834 ausbedungen, dass der erste
Akt bereits am 12. Januar 1835, der zweite acht Tage später in
Neapel eintreffen müsse. Aber höhere Gewalt verhinderte
schließlich die Erfüllung des Vertrags: Als in Südfrankreich die
Cholera ausbrach, wurden die Schiffe von Marseille nach Neapel
in Nizza festgehalten, und so erreichte die bereits abgeschickte
Oper Neapel zu spät. Die dortige Operndirektion zog sich trotz
Marias Bitten sofort vom Vertrag zurück. So kam es, dass Maria
die einzige von Bellini für sie geschriebene Oper nie gesungen
hat. Die Malibran-Fassung erlebte erst 1986 in Bari ihre
szenische Uraufführung.
Maria hatte eine große Gabe für die Komposition, und uns ist
eine große Zahl an Arien und Romanzen bekannt, die sie verfasst
hat und welche davon zeugen. Diese Stücke besitzen gemeinhin
dieselbe Originalität wie ihr Charakter, sanft und brillant
zugleich. Sie verkaufte sie nie und sah vor, sie an ihre Freunde
oder zu wohltätigen Zwecken zu verschenken.
La comtesse Merlin, Madame Malibran, Bruxelles, 1838
Ein Beispiel aus dem halben Hundert von Marias eigenen Liedern
ist das als Teil ihres Album lyrique publizierte “Rataplan”[10].
Rataplan ist im Französischen und Italienischen das
lautmalerische Wort, welches den Trommelwirbel des Tambours
darstellt. Das Lied besticht vor allem durch die Energie im
Refrain und den auffälligen, wiederholten Trommelwirbel “rrrrr”.
Aber auch die Wellenbewegungen in den Strophen stellen eine
Herausforderung für die Sängerin dar.
“Rataplan”
war eines der berühmtesten Werke Marias. Die hier aufgenommene
Orchesterversion stammt aus Dresden. Ursprünglich befand sie
sich im Opernarchiv und war Teil eines Vaudevilles mit Ouvertüre
und 13 Nummern, welches offenbar mehrere heute unbekannte
Schreiber unter dem Titel Testament eines Schauspielers in den
1840er Jahren zur Aufführung gebracht haben sollen. Diese
Verwendung, wie auch ihre Aufnahme als “Tramtaram” in eine
zeitgenössische Liedsammlung, Das singende Deutschland, zeigen,
wie populär im 19. Jahrhundert diese Komposition Marias war.
Doch auch andere Lieder der “Sévigne de la Romance”, wie ein
Autor 1832 Maria nannte, wurden von anspruchsvollen Kollegen wie
Berlioz, Schumann sowie später auch von Debussy gelobt.
Wieviel es auch schmackhaft für den Gaumen und angenehm für den
Magen ist, so wird selbst ein Elixir nichts als abstoßend, wenn
wir gezwungen sind, es mehr als hundertmal wieder auszutrinken…
was in uns Übelkeit erregt hätte, wenn Madame Malibran nicht
verstanden hätte, es neu abzuschmecken.
Il Corriere delle Dame, Mailand, 1835
Eine andere Komposition Marias [16] wirft ein Licht auf eine
weitere ihrer Rollen, welche wir heute nicht mehr mit einem
Mezzosopran in Verbindung bringen: die Adina in Donizettis
L’elisir d’amore. Allerdings entsprachen bei ihren Mailänder
Auftritten 1835 nicht alle Teile dieser Oper den Vorstellungen
der mittlerweile etablierten Primadonna. Zwar war sie bei weitem
nicht der einzige Star, welcher das Recht einforderte, gegen
Ende des Werks noch einmal mit einer effektvollen Arie
auftrumpfen zu dürfen. Dass sie jedoch das Ersatzstück gleich
selber komponierte, dürfte hingegen mehr als unüblich gewesen
sein.
Formal wählte sie das normalerweise am Schluss einer Oper stehende Rondò — mit einem langsamen ersten und schnellem zweiten Teil, dessen Wiederholungen virtuos variiert werden. Maria fügte es aber nicht ganz am Ende des Aktes ein, sondern anstelle der bestehenden Arie Adinas, welche Donizetti an sich direkt in das Duett mit Nemorino überführt. Der erste Teil der von Maria geschriebenen Arie übernimmt den Text und die getragene Atmosphäre von Donizettis Original. Gefolgt wird es indessen von einem schwärmerischen Allegro moderato, in dem die Solistin mit Sprüngen, Arpeggien, Läufen und Trillerketten brilliert und sich zuletzt sogar den Spaß erlaubt, bis zum tiefen E hinabzusteigen, was eine der im tiefen Bereich extremsten Stellen auf dieser Aufnahme darstellt.
Übersetzung: Christiane Frobenius
